Barbara Keller-Inhelder
Niemand will die Fahrenden  
13. April 2010
Erschienen in: St. Galler Tagblatt

Im Kanton St. Gallen sollen vier fixe Durchgangsplätze für Schweizer Fahrende geschaffen werden – doch kaum eine Gemeinde will sie auf ihrem Gebiet. Nächste Woche berät der Kantonsrat das heikle Thema.

Urs-Peter Zwingli

St. Gallen. «Sobald der Schnee geschmolzen ist und die Vögel pfeifen, ziehen wir los», sagt Bruno Huber, Vizepräsident der «Radgenossenschaft der Landstrasse» – so nennt sich die Dachorganisation des Jenischen Volkes in der Schweiz (siehe Kasten).

Huber überwintert in der Umgebung der Stadt St. Gallen und ist von Frühling bis Herbst in der ganzen Schweiz unterwegs – er schätzt, dass etwa 40 Familien aus dem Kanton St. Gallen dieses halbnomadische Leben führen. Schweizweit sind es rund 3000 Personen.

Das Unterbringen der Wohnwagen und Zugfahrzeuge ist dabei für die Fahrenden laut Huber oft schwierig: «Man organisiert sich irgendwie, fragt zum Beispiel einen Bauern, ob man auf seinem Land haltmachen darf.»

Vier statt sechs Plätze
Für die Fahrenden sollen darum im Kanton St. Gallen fixe Durchgangsplätze geschaffen werden: Umzäunte Standplätze für höchstens fünfzehn Wohnwagen, die über sanitäre Anlagen und Stromanschlüsse verfügen. Die Regierung hatte in einem Bericht vom vergangenen Jahr noch sechs Plätze auf Kantonsgebiet gefordert. «Die bestehenden Durchgangsplätze decken den Bedarf bei weitem nicht ab, zudem sind sie planungsrechtlich nicht gesichert», hiess es damals.

Die vorberatende Kommission des Kantonsrates hat diese Pläne jetzt zurückgestutzt: Vier statt sechs Plätze, die ausschliesslich von Schweizer Fahrenden benutzt werden können. Dazu kommt ein Transitplatz für ausländische Konvois, der für Kurzaufenthalte gedacht ist und Platz für bis zu 30 Wohnwagen bietet. «Die Kommission musste einen Kompromiss finden», erklärt Präsidentin Barbara Keller-Inhelder (SVP, Jona) das reduzierte Programm. Dass die politischen Lager unterschiedliche Meinungen haben, zeigen die Communiqués zur kommenden Session, welche die Kantonalparteien am Wochenende veröffentlichten: Grüne, SP und FDP sprechen sich für die Durchgangsplätze aus, der Entscheid der CVP steht noch aus. Die Grünen unterstützen die Forderung der Regierung nach sechs Plätzen. Ganz anders tönt es von der SVP, die «keine Luxus-Durchgangsplätze» will. Die Kosten von 6,85 Millionen Franken seien «viel zu hoch». Die SVP will es den Gemeinden überlassen, «zweckmässige Durchgangsplätze» einzurichten, mit «vernünftiger» finanzieller Beteiligung des Kantons.

Zentrumsnahe Plätze
Doch wo sollen die vier Plätze gebaut werden? Sicher ist laut der vorberatenden Kommission bis jetzt nur, dass sie «im näheren Umkreis» der Zentren St. Gallen, St. Margrethen, Buchs, Sargans, Rapperswil-Jona und Wil liegen werden. Konkrete Pläne gibt es für Plätze in Gossau und Thal. «Bevor wir die entsprechenden Baueingaben machen, warten wir den Ausgang des politischen Prozesses ab», sagt Nicolas Perez, Verantwortlicher für die Siedlungsplanung beim Amt für Raumentwicklung. Auch wenn die Vorlage durch den Rat kommt und kein Referendum ergriffen wird, rechnet Perez mit «einigen Einsprachen». Sowieso sei die Suche nach Plätzen «ernüchternd», das Echo auf Anfragen bei den Gemeinden «geteilt». «Ein Gemeindepräsident macht sich nicht beliebt, wenn er offen für einen Durchgangsplatz einsteht», sagt Perez. Auch die Verhandlungen mit den Eigentümern von geeigneten Grundstücken seien schwierig. Eine Prognose, ob, wann und wo die Plätze bezugsbereit sind, wollten weder Perez noch Keller-Inhelder stellen.

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